An immer mehr Generalversammlungen schweizerischer Unternehmen führen verschiedene Themen zu heftigen Diskussionen. Anträge des Verwaltungsrats werden von den Aktionärinnen und Aktionären zunehmend angefochten. Die jeweiligen Unternehmensführungen erhalten damit ein starkes Signal.
Unter den besonders intensiv diskutierten Themen steht die Vergütung der Führungskräfte an erster Stelle. Von den hundert grössten in der Schweiz kotierten Unternehmen lassen heute 42 die Generalversammlung konsultativ über den Vergütungsbericht oder das Vergütungssystem abstimmen. Das sind doppelt so viele wie im Vorjahr. Der stärkste Protest seit Anfang Jahr war an der Generalversammlung von Novartis zu verzeichnen: 39 Prozent der Aktionärinnen und Aktionäre verweigerten dem Vergütungsbericht die Zustimmung. Ebenfalls kritische Voten werden insbesondere bei UBS und Credit Suisse erwartet.
Auch Verwaltungsratswahlen stossen längst nicht mehr unbedingt auf einhellige Zustimmung. Vor allem wenn die Unternehmen zu wenig unabhängige Verwaltungsratsmitglieder haben oder die Nachfolgeplanung im Verwaltungsrat vernachlässigen. Kapitalerhöhungen begegnen oft starker Kritik, weil diese ungenügend begründet oder die Bezugsrechte der bestehenden Aktionäre nicht garantiert sind.
Dieses Erwachen der Anteilseigner ist ein internationales Phänomen, welches auch Themen ausserhalb der Corporate Governance erfasst. An der Generalversammlung des US-Unternehmens Emerson Electric, eines Konkurrenten von ABB, unterstützten 34 Prozent der Stimmenden den Aktionärsantrag für die Veröffentlichung eines Nachhaltigkeitsberichts. BP registrierte bedeutende Neinstimmenanteile bei der Vergütungsfrage sowie bei der Wiederwahl einiger Verwaltungsratsmitglieder. Die Aktionärinnen und Aktionäre beginnen offensichtlich zu verstehen, dass der Ball bei ihnen liegt. Und dass es ihre Pflicht ist, im langfristigen Interesse aller Anspruchsgruppen zu handeln.